Nur wer das Gestern versteht, findet sich im Heute zurecht
  011 (13.05.2008)
 

Die Kellen-Affäre

Ein Brandenburger Motorradfahrer bringt Sachsens Verkehrsminister in Schwierigkeiten

Katrin Bischoff

ORTRAND. Eigentlich, so sagt er, sei er kein Motorrad-Rüpel. Reinhard Otto aus dem kleinen Ort Frauendorf bei Ortrand (Oberspreewald-Lausitz) bezeichnet sich selbst in einem Internetforum für Biker als den Alten, "auf den ihr immer mal wartet, wenn er schnaufend versucht, mitzuhalten". Doch vor einer Woche, da hatte der 56-jährige Kawasaki-Fahrer mit seiner Fahrweise auf der Autobahn A 13 ungewollt Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Thomas Jurk (SPD) kennengelernt und damit die sogenannte Kellen-Affäre ins Rollen gebracht. Der Motorradfahrer war von Jurk gestoppt worden - mit einer Polizeikelle. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Amtsanmaßung gegen den Politiker.

Reinhard Otto hat sich vor fünf Jahren nach einem Schlaganfall den Traum vom eigenen Motorrad erfüllt. "Ich fahre vernünftig, ich bin kein Rowdy, ich habe Enkel", sagt er der Berliner Zeitung. Am Montag voriger Woche war Otto auf dem Heimweg von der Exhumierung eines deutschen Soldaten in Schlesien. Damit beschäftigt sich der private Arbeitsvermittler, dessen Familie aus Schlesien stammt, in seiner Freizeit. Otto hatte 250 Kilometer hinter sich, inklusive der Baustelle bei Calau, in der ein Blitzer stand - "von dem ich übrigens nicht geblitzt wurde", wie er sagt. Nach der Baustelle gab es kein Tempolimit mehr. Als Otto dann zu seiner Reisegeschwindigkeit, 200 Kilometer pro Stunde, gefunden hatte, bemerkte er im Rückspiegel die herannahenden Lichter einer großen Limousine. "Da kam der jugendliche Otto durch", sagt Otto über Otto. Er sei in einer Lücke in die rechte Spur gefahren und habe mal kurz Gas gegeben. Die Lichter im Rückspiegel verschwanden, Otto zog auf die Überholspur zurück und bremste auf seine Reisegeschwindigkeit ab. Die Lichter der Limousine, einem VW Phaeton, nahten erneut.

Otto sagt, er wusste nicht, wer da hinter ihm her war: ein hohes Wirtschaftstier, ein Angeber? Es war Sachsens Minister Jurk. Dieser kam von einem Vortrag aus Berlin. Es war früher Abend, man wollte nach Hause. Jurk erklärte später, ihr Wagen sei über eine längere Strecke ausgebremst worden. Er und sein Fahrer hätten gedacht, einen Betrunkenen vor sich zu haben. Das Spiel aus Bremsen und Beschleunigen sei über zehn Kilometer gegangen - bis der Biker abfahren wollte.

"An meiner Ausfahrt Ortrand kam die Limousine angeschossen, sie überholte mich, eine Polizeikelle wurde rausgehalten", erinnert sich Otto. Aber nicht der Mann mit der Kelle stieg aus, um den Motorradfahrer zur Rede zu stellen. Es war der Fahrer, der laut Otto von einer Straftat und von Belästigung redete. Minister dürfen auf freier Strecke nicht aussteigen. Aus Sicherheitsgründen. Als Otto den im Fonds sitzenden Kellen-Mann fragte, mit wem er es zu tun habe, habe sich dieser geweigert, seinen Namen zu nennen. Dann fuhr der Phaeton einfach weiter. Otto erinnerte sich an Teile des Kennzeichens. Weil ihm der Vorfall suspekt war, rief er tags darauf Sachsens Innenministerium an. "Bald war klar, dass Herr Jurk an diesem Abend mit seinem Dienstwagen unterwegs war", sagt Lothar Hofner, Sprecher des Innenressorts. Jurk habe den Vorfall zugegeben. "Da der Anfangsverdacht einer Straftat bestand, haben wir den Fall an die Staatsanwaltschaft abgegeben", sagt Hofner.

Gegenseitig entschuldigt

Jurk bedauerte bereits, in seiner Wut eine "Dummheit und Eselei" begangen zu haben. "Er hat erklärt, dass sich auch ein Minister an Gesetze halten müsse und es ihm nicht zusteht, eine Haltekelle zu benutzen", sagt seine Sprecherin Lea Mock. Die Kelle gehört nicht zur Ausstattung des Dienstwagens. Einer der Fahrer fuhr Ex-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU). Die Kelle blieb im Auto liegen.

Jurk hat sich bei Reinhard Otto bereits entschuldigt. Auch der Biker gab sich in dem einstündigen Telefonat reuevoll. Man habe die Sache unter Männern geklärt. Otto kommt die neue Bekanntschaft durchaus gelegen. Er arbeitet als privater Jobvermittler für die Arbeitsagentur: "Einen Wirtschaftsminister zu kennen, kann dabei nicht schaden."

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